schuhpaarGesunde Schuhe – ein langer Weg

Um 1900 gab es in Wien rund 10.000 Schuhmacher

Die Geschichte des Schuhs ist so alt wie die Menschheit. Schon immer haben wir versucht, unsere Füße vor Umwelteinflüssen zu schützen. Im Altertum waren allerdings nur Sandalen bekannt, der geschlossene Schuh oder Stiefel trat erst viel später auf den Plan. Trotzdem liegt hier die Wiege des orthopädischen Schuhs. Schon bei den Römern ist nachgewiesen, dass sie in ihre Sandalen Strukturen aus Kork einarbeiteten, um verschiedene Defizite auszugleichen.

Die Geburtsstunde des modernen orthopädischen Schuhmachertums war jedoch erst viel später.

Wie so oft, hat ein Krieg dazu geführt, dass neue Techniken entwickelt werden mussten. Während des ersten Weltkriegs wurde in der Hofburg eine orthopädische Station eingerichtet, in der sich Ärzte gemeinsam mit Bandagisten und Schuhmachern um die Versorgung der Kriegsversehrten kümmerten. Aus dieser "Staatlichen Prothesenwerkstätte" gingen später zahlreiche Fachbetriebe hervor, denn alle Meister dieser Werkstätte machten sich nach dem Krieg selbständig.

In den Anfängen des Handwerks waren in erster Linie Kriegsopfer zu versorgen – denn wer eine Prothese hat, braucht auch einen dementsprechenden Schuh. Doch bald fand man auch andere Einsatzbereiche für dieses Fachwissen. Bei verkürzten Beinen etwa oder bei Kinderlähmung konnten die orthopädischen Schuhmacher den Betroffenen das Leben erleichtern.

Während und nach dem 1. Weltkrieg wurden in erster Linie Prothesen aus Holz angefertigt, zu denen dann der passende Schuh hergestellt wurde.

Bei Verkürzung des Beins oder Deformationen des Fußes selbst wurden Spezialschuhe angefertigt. Bei Verkürzung wurde in erster Linie mit Erhöhung von Absatz und Sohle gearbeitet. Da operativ bei beiden Fällen keine Hilfe möglich war, wurden die Sohlen oft auch bis zu 20 cm dick (interessante Beispiele dafür finden sich im Schuhmuseum in Wien). In welcher Höhe diese Sohlen angefertigt werden mussten, wurde entweder ganz simpel mit einem Maßband vermessen und/oder einfach ausprobiert. Als Material war damals für die Sohlen ausschließlich Kork und Gummikork verfügbar. Um diesen Kern herum wurde dann der Lederschuh gearbeitet. Kam zur Verkürzung noch eine Deformation des Fußes bzw. lag nur eine solche vor, wurde zuerst ein Abdruck aus Gips genommen. Nach diesem Abdruck wurde entweder ein Leisten angefertigt oder gleich ein Probestück. Nach diesem wurde dann nach mehrmaligen Anproben der eigentliche Schuh gearbeitet.

Im 2. Weltkrieg gab es rund 400.000 Verwundete. Wie viele von ihnen mit orthopädischem Schuhwerk versorgt werden mussten, lässt sich heute nicht mehr sagen, aber da auch damals die Landminen bereits häufig verwendet wurden, dürfte der Prozentsatz relativ hoch gewesen sein.

Dem trug schließlich auch die Branche Rechnung. Konnte bis in die 1950er Jahre jeder Schuster, der sich dazu berufen fühlte, orthopädische Schuhe anfertigen, wurde die Ausbildung schließlich standardisiert. Zuerst musste der Schuster eine zusätzliche Prüfung ablegen, in weiterer Folge wurde ein eigener Lehrberuf mit eigener Meisterprüfung daraus. Dies gab nicht nur den Kunden die Sicherheit, in qualifizierten Händen zu sein, es führte auch zu finanziellen Erleichterungen. Mit Einführung der Prüfungen konnten die Schuhe auch über die Krankenkassen abgerechnet werden (das war vorher nicht so einfach möglich, es mussten individuelle Anträge gestellt werden, die bewilligt wurden oder auch nicht).

Interessant auch die Entwicklung im Schuhmachergewerbe: Um 1900 gab es in Wien rund 10.000 Schuchmacher, 1945 waren es 5000 und heute sind es nur mehr 230. Davon sind lediglich 20 orthopädische Schuhmacher. In ganz Österreich sind heute 199 auf diesem Spezialgebiet tätig.

Mit der Zeit haben sich die Probleme, mit denen es der Berufsstand zu tun hat, natürlich verändert. In unserer friedlichen Zeit sind Gott sei Dank nicht mehr so viele Kriegsopfer zu versorgen, jedoch sorgen Unfälle und unsere ungesunde Lebensweise dafür, dass die orthopädischen Schuhmacher mehr zu tun haben denn je. Auch verkürzte Beine kommen kaum noch vor, da hier oft operativ geholfen werden kann, Polio ist dank der Impfung so gut wie ausgerottet. Heute beschäftigen Unfälle, Diabetes oder Schlaganfall die Fachleute. Durch das gute Zusammenspiel von Orthopäden, Krankenkassen und Schuhmachern sind heute viele Menschen mit dem für sie notwendigem und richtigem Schuhwerk versorgt.

Es sind aber auch viele Menschen dauernd "auf den Beinen". Viele von ihnen haben erkannt, dass es für sie in Zukunft wichtig werden kann, schon heute für ihre Füße zu sorgen. Kellner, Polizisten, Krankenschwestern oder Briefträger sind nur einige der Berufsgruppen, für die dies zutrifft. Wer kleinere Probleme frühzeitig korrigieren lässt, kann sich später viel Ärger und auch Schmerzen ersparen.

Auch bei den Materialien hat sich in den letzten hundert Jahren eine ganze Menge getan. Standen früher nur Leder und Kork zur Verfügung, so kann der Fachmann heute zusätzlich unter einer ganzen Reihe von Kunststoffen wählen. Leder und Kork waren natürlich relativ hart und unnachgiebig. Die heute verfügbaren Leder sind um einiges weicher und die Kunststoffe verfügen über ganz andere Eigenschaften (z. B. Rückstellfähigkeit), mit denen die heutigen Probleme besser gelöst werden können. Was nicht heißt, dass Leder überholt wäre. Der Fachmann muss aber das für jeden Patienten beste Material herausfinden – und bei der großen Vielfalt ist dies nicht immer einfach.

Der Beruf des orthopädischen Schuhmachers verlangt also neben dem handwerklichen Geschick heute auch ein großes Maß an medizinischem Wissen und Fingerspitzengefühl. Nur durch eine fundierte Ausbildung kann gewährleistet werden, dass für jeden Patienten eine individuelle Lösung gefunden wird – die Einlage aus dem Supermarkt ist es sicher nicht.